Peter Andres · Retrospektive

Der Weg ins Studio

Die Gebrauchsanleitung fürs Leben — eine Art interaktives Buch
Eine Retrospektive, ein interaktives Buch über mich, mein Leben und meinen fotografischen Werdegang.

Etwas mehr mit der Kamera experimentieren? Künstliches Licht gezielt verwenden? Aber nicht einfach mit einem auf die Kamera aufgesteckten Blitzgerät? Aktaufnahmen, Bildmanipulationen…?

Ein riesiges, neues Aktionsfeld eröffnete sich!

Teil 3: Der Weg ins Studio

Studioaufnahmen

Hier sind meine ersten Gehversuche im Umgang mit der Studio-Blitzanlage. Wie man sieht, sind die Fotos noch relativ statisch, so wie normalerweise Blitzaufnahmen sind. Das änderte sich in meiner Bildgestaltung bald. Die Erfahrungen waren aber für meine fotografische Entwicklung sehr bedeutsam.

Canabrett

Die erste grosse Fotoperformance. Entstanden 1983 und 1984 zusammen mit Patrick. Die ersten Aufnahmen sind mit normalem Glühlampenlicht entstanden. Die weiteren Serien jedoch mit der neuen Studio-Blitzanlage.

Canabrett… eine Wortbildung aus Kanapee, einer bequemen Sitzgelegenheit und Brett, einem Tablar von meines Büchergestells.

Fichenskandal

Der Schweizer Fichenskandal 1985:
Je t’aime – moi non plus

Es war Februar 1985. Kommunikation unter Gleichgesinnten. E-Mail gab es damals noch nicht. Dating-Apps natürlich auch nicht. Das Internet wurde erst gerade erfunden, brauchbar war es erst gegen Ende der 80-er Jahre, und das auch nur zaghaft.

Trotzdem kam immer wieder die Frage auf: werden Schwule auch registriert?

Und dann kam 1989 der Schweizer Fichenskandal. Bundespolizei und Bundesanwaltschaft zusammen mit der kantonalen Polizei sammelten rund 900'000 Beobachtungs-Akten (Fichen) über Personen und Organisationen vorwiegend aus dem linken Umfeld (oder besser gesagt: aus dem nicht Mitte-Rechten Lager).

Sind wir auch dabei? – Vielleicht.
Ein Versuch einer bildmässigen Antwort.

Richter und Richter

Eine kleine Bildgeschichte, entstanden und fotografiert am 19.4.1984. Ich habe dabei meine Studio-Blitzanlage das erste Mal ausser Haus verwendet.

Aktaufnahmen

Aktaufnahmen sind faszinierend und haben ihre besonderen Anforderungen. Die fotografische Umsetzung erfordert Behutsamkeit und auch einiges an Experimentierfreude, denn nur allzu leicht kann man in ein Klischee oder in reine sexuelle Darstellung fallen.

Nacktheit leben, Nacktheit erleben sind zwei wundervolle Erfahrungsmöglichkeiten. Sie fotografisch festzuhalten kann eindrucksvolle Bilder hervorbringen. Da bin ich nur einer unter sehr vielen Fotograf*innen. Leider hat die Möglichkeit, solche Bilder zu veröffentlichen, in der letzten Zeit arg gelitten. Facebook, Instagram und andere lassen grüssen! Auf vielen öffentlichen zugänglichen sozialen Medien ist Nacktheit verboten. Dies im Gegensatz zu Verbrechen, Kriegsbilder usw.

Gelebte Nacktheit in Bildern kann noch wesentlich weiterführen. Ich werde dies mit dem Thema Multidimensionalität etwas später anzugehen.

 

Ich – Lampe

In Farbe zu fotografieren ist einfach. Etwas schwieriger ist es farbige Aktbilder zu erstellen, denn eine praktische Abstraktionsebene entfällt, die durch schwarz-weiss Fotografie automatisch geben wird. Darum waren Experimente mit farbigem Licht angesagt.

Das war im Juni 1984.

Nun, heute im Frühling 2021 habe ich auch die passende Musik für die Zusammenstellung der Dias, der Slid-Show gefunden.
Titel: Summer of 1984 von RKVC (Rod Kim & Vince Cirino)

Sattel

Der Hocker «Sella 200» hatte es mir angetan. Auf den ersten Blick! Ich musste ihn haben. Design und Idee sind einfach genial.
Keine Frage, er musste gleich für eine Fotosession hinhalten.

Modell: Sella 200 Hocker
Hersteller: Zanotta
Designer: Achille Castiglioni / Pier Giacomo Castiglioni

Mehr Zeit im Bild

Aussicht und Einsicht

Bewegungsunschärfe wird in meinen Bildern zusehen wichtiger. Ich empfinde sie als eines der wichtigsten Gestaltungsmittel.

Projektion

Wie kriege ich mehr Zeit ins Bild? Langzeitbelichtung und Bewegungsunschärfe funktionieren bestens. Mehrere Bilder ineinander kopieren, Fotos, die nacheinander mit der Kamera aufgenommen wurden, geht doch auch! Damals ohne digitale Möglichkeiten war das nicht so einfach. Aber der Diaprojektor hat dabei geholfen.

Bettgeschichten

Der unaufhaltsame Aufstieg.
Eine Bildserie ohne Anfang und ohne Ende. Die Geschichte musst du dir selbst ausdenken.

Die Fotos entstanden nur mit dem vorhandenen Licht. Blitzlicht ist nicht dabei. Available Light Fotografien waren damals (1986) sehr populär. Ich verwendete einerseits mit normalen SW-Filmen und anderseits mit Polaroid-Schwarz-Weiss Diafilmen, die damals gerade auf den Markt gekommen sind. Sie sind an den grobkörnigen Strukturen zu erkennen.

Selbstinszenierende Objekte

1984 bis 1986 war fotografisch eine sehr intensive Zeit. Experiment um Experiment folgte. Mein Liegestuhl lernte fliegen. Und er konnte es perfekt! Die Büste hatte Nachwuchs, Peperoni konnten wachsen und noch einiges mehr. Alles per Kamera.

Patrick war bei der Dokumentation in grossartiger Weise behilflich. Leider ist die Kamera mit dem 8mm Videokassetten dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Abspielen ist demzufolge nicht mehr möglich.

Liegestuhl

SX-Fly

Teilweise verwendete ich Polaroid Farbfilme. Diese konnte man mit einem Gerät selbst entwickeln, welches einer Leierorgel mit Handkurbel in Miniaturformat glich. Das Resultat waren Farbdias mit extremer Körnigkeit. Traditionelles Polaroid SX-70 war auch dabei.

Büste
Blumen
Peperoni
Apfelhandel

Eine Art Begegnung

Freitag, 25. April 1986

Lady Gaga wurde einen knappen Monat zuvor geboren. Das hat damals niemand mitgekriegt. Noch nicht. Hingegen war der Tag danach einschneidend. Weltweit. Im Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl ereignete sich die Nuklearkatastrophe. Beides hatte keinen Einfluss auf meine Fotografie, jedenfalls nicht direkt.

Ich habe die Fotos als Still-Video zusammengestellt. Die einzelnen Fotos sind, abgesehen von kleinen Anpassungen der Farbtemperatur, nicht bearbeitet. Ich habe auch keine Ausschnitte erstellt. Dadurch sind die Unzulänglichkeiten und Fehler der Polariod Farbfilme sehr deutlich erkennbar. Das ist gewollt!

Chapeau melon et ceinture blanc

Chapeau melon et bottes de cuir mit dem Originaltitel The Avengers oder in der etwas holperigen deutschen Übersetzung Mit Schirm, Scharm und Melone mit John Steed und Emma Peel war damals zwischen 1961 und 1969 DIE Fernsehserie.

Es war kaum verwunderlich, dass mich diese Filmserie ebenfalls zu einer Fotoserie mit Hut inspirierte. Als Selfies. Gut – das Wort Selfie gab es damals noch nicht. Aber ich habe doch hingehalten, obschon das Auslösen der Kamera etwas umständlich war. Die Arbeit in der Dunkelkammer half jedoch. Auch mit den Polaroid SX-70, quasi als experimentelle Post-Instant Fotografie.

Diese Serie ist im Sommer 1986 entstanden.

Akt und Bewegung

Die Bilder, die ich mit Luc-André zusammen machen konnte, wurde zu einer der schönsten Akt-Serien. Sie ist im Studio entstanden. Dabei habe ich die gängige Aufnahmesituation mit reinem Blitzlicht komplett verlassen und dadurch die Freiheit erhalten, sehr stark mit Bewegungsunschärfe zu arbeiten. Blitzlicht habe ich nur zusätzlich verwendet.

Patrick hat mich bei der Arbeit assistiert und bestens unterstützt. Auf einigen wenigen Aufnahmen ist er auch zu sehen.

Diese Serie ist im Sommer 1986 entstanden. Diese Aufnahmetechnik mit Blitz- und Dauerlicht habe ich später noch wesentlich weiter ausgebaut.

PolaWorks

Luc-André

Ursus-Club

Der Verein Ursus Club wurde 1968 gegründet, zu einer Zeit wo jede Anspielung auf die Ausrichtung des Clubs tunlichst vermieden wurde – vermieden werden musste. Nach den Statuten ging es «um die Pflege der Kameradschaft durch Zusammenkünfte und Vorträge». Gegen aussen wurde absolute Verschwiegenheit bewahrt, es gab strenge Eintrittskontrollen und die Sittenpolizei hielt ein wachsames Auge auf den Kellereingang.

Der Ursus-Club war damals in der Schweiz einer der wichtigsten Keller und mit Bar und Disco für schwule Männer. Ich habe dort meinen Mann Patrick kennen gelernt. Aus einer Zehntelsekunde wurden 31 Jahre.

Für das grosse Fest zum 25. Bestehen des Clubs habe ich Fotos mit einigen Mitgliedern gemacht.

Der Club wurde 1997 aufgelöst. Der Freiraum war nicht mehr notwendig, denn die Akzeptanz schwuler Männer etablierte sich zusehends in der Gesellschaft.

2005 wurde in der Schweiz an einer Volksabstimmung das Partnerschaftsgesetz angenommen. Dass die Bevölkerung über ein solches Thema abstimmen konnte, war ein Welt-Novum! Das Gesetz trat 2007 in Kraft.

Teil 4: Wegweisende Entscheidungen
Bild: Author Peter Andres